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Norbert Küpper; Foto: B.Wioska

Norbert Küpper, - Maler, Gitarrist und Kunstkritiker


Liebe Kunstfreunde!

Überall macht sich ein Verlangen nach mehr Demokratie und direkter Bürgerbeteiligung kund. Wenn es dann zu Abstimmung kommt, scheint es aber nicht so recht zu klappen. In Hamburg kippte man die Schwarz-Grüne Koalition, weil man in der Schulpolitik keine Reformen haben wollte, die aber von Experten als dringend notwendig angesehen wurde. In Köln war das Interesse um den Ausbau der Godorfer Hafens erschreckend gering. Der kann nun erfolgen, weil die Bürger zu faul waren mit „ja“ oder „nein“ zu stimmen.  In Stuttgart wüten die Bürger mit jahrelanger Verspätung gegen den Bau eines Tiefbahnhofs, um dann in der Abstimmung dem Bauprojekt doch zuzustimmen.

Zum Glück kam es bei der Sanierung der Kölner Oper und des Schauspielhauses nicht zu einer Volksabstimmung und der Stadtrat folgte zähneknirschend den Einwenden der kompetenten Befürworter einer Renovierung. Das Ergebnis einer Volksbefragung wäre sicherlich die Erweiterung des Karstadt-Parkhauses gewesen. Karstadt hätte bei der Fertigstellung dann nicht mehr existiert, aber Parkhäuser braucht man immer.

Es scheint noch sehr viel Lernbedarf in Sachen direkter Demokratie zu bestehen.

Da tut es doch gut, dass sich im Bereich der Kunst die Demokratisierung schon etabliert hat. Da ist es ja auch leichter. Denn schließlich weiß ja jeder, was schön ist. Die Urteilsfähigkeit übt man schließlich jeden Morgen vor dem Spiegel. Man hat sich somit zu einem Experten emporgearbeitet.

Seit Jahren bieten die Fernsehsender im Bereich der Musik durch Casting-Shows diesen „Experten“ ein direktes, demokratisches Eingreifen in das Kulturgeschehen an. Dabei schaffte es ein englischer Postbote mit seiner Interpretation Von Puccinis „Nessun dorma“ sämtliche Mitleidspunkte auf sich zu vereinen. Denn aufgrund seines stimmlichen Unvermögens musste er von der ersten Strophe der Arie  direkt zur Coda übergehen. Er verkürzte den Inhalt auf „Du, kleine Prinzessin in den kalten Zimmer“ und „am Morgen werde ich siegen“. Den ganzen anderen „sinnlosen“ Klimbim der Oper hat er ausgespart. So schnell waren weder Caruso noch die Startenöre Pavarotti, Domingo und Carreras am Höhepunkt angelangt.  Paul Pott der Quicki unter den Operntenören. Ohne viel Vorspiel direkt zur Sache. Von wegen „all´alba vincerň“, Paul Pott war schon um halb Acht fertig.

So sehen die Entscheidungen direkter Demokratie in der Kunst aus, wenn es vorher keine kulturelle Bildung gab. Kunst wird sinnlos und bisweilen auch lächerlich. Sehr wahrscheinlich traf Paul Pott den Traum eines Jeden: einmal „Nessun dorma“ singen zu können, ohne sich durch den Gesangsunterricht zu quälen.

Was für die Fernsehanstalten gut ist, scheint nun auch Einzug in die Museumsarbeit zu finden. So durfte zum 150-jährigem Bestehen des Walraff-Richartz-Museums in Köln das Publikum sein Lieblingsbild aus dem Depot wählen, das nun für ein Jahr in der Sammlung zu sehen sein wird.

Ob es die Größe war, die das „Vergib uns unsere Schuld“ von Walther Firle von 1898 zum beliebtesten Bild gemacht hat? Über die Qualität findet man in dem Artikel lediglich „typische Sozialromantik des 19. Jahrhunderts“. Museumsdirektor Blühm umgeht damit in deutlicheres Urteil. Schon allein der Bildtitel ist etwas holprig zum Thema ausgewählt.

Aus diesem Ergebnis von „direkter Demokratie“ lässt sich allerdings auf die Befindlichkeit von Volkes Seele schließen. Dieses Bild hätte sich vor Jahren nur vor vorgehaltener Hand  Zuspruch gefunden. Das Bildthema der gefallenen Tochter, die zu hart arbeitenden Schuhmacherfamilie zurückkehrt, verbrämt mit christlichen Gebetsversen, brennt dem Volk wieder auf der Seele. Man sehnt sich zurück zu den guten alten Zeiten mit Familienzusammenhalt, christlich geprägten Moral und ehrlicher Arbeit.  Eben dieses romantische 19. Jahrhundert, in dem durch preußische Ordnungsliebe die Kirchenbänke gerade gerückt wurden, das Elend durch neue Sozialsysteme im Zaum gehalten wurde und auch sonst im Leben militärische Ordnung herrschte.

War das Publikum wirklich von diesem Bildthema so begeistert? Oder hat es diesem keine große Bedeutung gegeben, weil das malerische  Können berauschend war? Oder hat man Paul Pott um Rat gefragt?

Dieses „Museums-Casting“ war noch mit einem Wettbewerb verbunden. Hat die Aussicht auf einen Gewinn nicht auch einen Einfluss auf die Wahl des Lieblingsbildes, indem man eher auf bekannte Künstler setzt? Auf dem dritten Platz findet man dann tatsächlich Carl Spitzweg und auch ein falscher van Gogh erhielt noch zehn Stimmen.

Es zeigt sich, dass bei der direkten Demokratie im künstlerischen Bereich mindestens genauso viel Lernbedarf  besteht, wie bei Themen wie Godorfer Hafen und Stuttgart 21. Anderenfalls geht die Kultur „dä Ring eraff“ oder erreicht ein Niveau, dass jeden tiefergelegten ICE noch unterbuddelt.

Dort wird das Thema noch einmal vertieft:
http://www.meistermann-gesellschaft.de/html/kontra-punkte.html#NachberichtKuepper-Vortrag